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Der Syngenius

Der Syngenius

Der Syngenius, Ausgabe 9

Mensch, werde wesentlich!

Am Wochenende war mein Neffe bei uns zu Besuch, zwölfte Klasse Gymnasium, er schreibt gerade seine Facharbeit im Leistungskurs Deutsch. Pflichtschuldigst las ich das Exposé über Betrachtungen zu Max Frischs „Homo Faber“. „Irgendwie muss ich da mindestens 20 Seiten zusammenkriegen, am besten 30, das macht Eindruck“, meinte er. Ich: „Warum denn das?“ Er: „Ist doch klar: Je mehr Seiten ich abliefere, desto ne bessere Note krieg ich.“

Auf dieses „Je mehr, desto besser“ wird unsere künftige Elite also bereits in der Schule programmiert?! Wen wundert es da, dass meterlange Prozessbeschreibungen und bibeldicke Ausführungen zu IT-Service-Management heute in meinem Job gang und gäbe sind? Minutiös wird darin jeder Handgriff erläutert, anstatt das Wesentliche auf den Punkt zu bringen. Die wirklich relevanten Informationen müsste man sich regelrecht herausdestillieren.

Deshalb sah ich es als meine Pflicht an, meinem Neffen eine Lektion in Sachen „Qualität wächst nicht direkt proportional mit Quantität“ zu erteilen. Ich kratzte meine gesamte literarische Bildung zusammen und holte zum „oheim’schen“ Erklärungsschlag aus:

„Kennst Du denn nicht unseren guten alten Dichterfürsten Goethe, der einst einen Brief entschuldigend mit den Worten einleitete: ‚Lieber Freund, heute schreibe ich Dir viel, denn ich habe wenig Zeit’?! Genau hier liegt der Hund begraben beziehungsweise findet sich des Pudels Kern: Viel heißt nicht das Wesentliche! Doch dies war schon lange vor Goethe bekannt. So heißt es bereits bei Shakespeare im Hamlet: ‚Weil Kürze denn des Witzes Seele ist, Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierat, fass´ ich mich kurz.’ Wie Du weißt, geht darauf das bekannte Sprichwort ‚In der Kürze liegt die Würze’ zurück!“ – Ich war stolz auf mich.

Mein Neffe schwieg eine Weile. Dann fragte er: „Meinst du nicht, dass diesen Gedanken am treffendsten Angelus Silesius formuliert hat?“ Meine literarische Bildungsfassade stürzte zusammen, ich hatte diesen Namen noch nie gehört. „Mensch, werde wesentlich“, erläuterte mein Neffe. „Ähm, … genau“, stammelte ich, „ ... genau das wollte ich sagen.“

Es grüßt kurz und freundlich

Der Syngenius




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